Kurzgeschichten



Die kleine Raupe, die kein Schmetterling werden wollte

 

Es war einmal eine kleine Raupe. Sie war ein prachtvolles Tier. Jedes Glied war Kugelrund und sie war größer, als alle ihre Freunde. Ihre seidenen Härchen wogen sich in lauen Sommertagen im Wind und die Sonne brach sich an ihrem kunterbunten Rückenpanzer in den schillernsten Farben. Tausend Beinchen trugen die kleine Raupe im Gleichschritt von der saftigsten Wiese zum höchsten Baum. Ein jedes Lebewesen, das sie erblickte war sogleich von ihr fasziniert. Besonders unter den anderen Raupen war sie sehr begehrt. Jeder wollte mit ihr befreundet sein, in der Hoffnung, dass in ihrem wohligen Schatten die Schönheit abfärben könne. Zig fache Schmeicheleien erduldete sie mit einem wohlwollenden Blick und ließ die Komplimente, wie warme Milch ihren Rachen hinunter tropfen. Jedes von ihnen ließ sie weiter wachsen – Glied für Glied, trotzdem blieb sie namentlich die kleine Raupe. Sie war erfüllt von Liebe und strahlte nach außen die Beständigkeit selbst aus. Ihre Lieblingsbeschäftigung war das Faulenzen. Während sie unterm schattenspendenden Laubblatt herabhing und schlief, stellte sie ihren Körper zur Schau, wie die Christenheit ihren Gral. Wie ein heiliges Relikt baumelte die kleine Raupe dem unwürdig staubigen Boden entgegen. Jedes Insekt, das an diesem Ort vorbei kroch, war neidisch auf ihr Antlitz, welches an Herrlichkeit mit der gelbfunkelnden Sonne wetteiferte.


So vergingen die Tage und mit ihnen auch die Nächte. Eines Morgen spazierte die kleine Raupe nach einem erquicklichen Bad im Maitau wieder in Richtung ihres Lieblingsbaumes, um ihrer beliebtesten Beschäftigung nachzugehen. Sie war erstaunt über den geringen Andrang, den sie heute erfuhr, denn normalerweise ging sie jeden Morgen diesen Pfad, an welchem sie sich sonst vor lauter verherrlichenden Sätzen kaum zu retten vermag. „Wo sind denn alle nur hin?“ fragte die kleine Raupe bei erster Gelegenheit eine Gruppe anderer Raupen, die an ihr lautlos vorüber zogen. „Es ist doch Verpuppungszeit! Komm mit, auch deine Zeit ist gekommen den nächsten Schritt zu wagen“, sagte eine von ihnen im schnellen vorbei gehen. „Für mich? Nein wieso? Ich bin eine Raupe und so soll es auch bleiben! Schau mich an, ich werde von allen Wesen bewundert, die mich sehen. Und das soll ich aufgeben in dem Unwissen, was mir die Zukunft bringen möge? Nein danke, es kann mir nur schlechter gehen“, gab die kleine Raupe trotzig zur Antwort, in dem sie in Begriff war sich abzuwenden, um weiter den Pfad in Richtung ihres Lieblingsbaumes zu gehen. Die kommenden Tage wurde es immer ruhiger. Alle Freunde, die noch vor kurzem ihren Schatten der Schönheit bewohnten, hingen nun wie verwelkte Blätter im Herbst von den Zweigen. Als ob sie sich einen Anzug überstreiften hingen sie stumm in den Wipfeln. Kein einziger Laut entfleuchte der glatten Hülle, die keinerlei Konturen abzeichnete.

 

Ohne weitere Beachtung lebte die kleine Raupe weiter ihr sorgenfreies Leben. Kein Tag unterschied sich auch nur im Geringsten vom Vorherigen. Anfangs war sie betrübt, dass all ihre Nebenbuhler sie verlassen hatten, doch plötzlich fand sich eine Gruppe neuer Raupen auf der Wiese ein, um Rast zu machen. Die Gelegenheit nutzte die kleine Raupe aus und posierte mit jedem Glied was sie hatte. Sie stellte sich auf ihre hintersten Beine, um ihre beeindruckende Größe aufzuzeigen und spielte mit dem Licht wie ein Marionettenzieher mit seiner Puppe, sodass jede nur denkbare Farbe von der Sonne von ihr reflektiert wurde. Voller Demut baten die Neuankömmlinge hier auf unbestimmte Zeit verweilen zu dürfen und so schien die kleine Raupe gemäß ihrem Credo der fernöstlichen Weisheit „Übe dich im Nichttun, und alles fügt sich zum Guten“ recht zu behalten. So war es nun nicht verwunderlich, dass kein Tag mehr in Einsamkeit verging. Ihr Schatten war wieder belebt und sie konnte sich nun kaum noch vorstellen, dass es noch andre Zeiten jenseits dieser gab.

 

Eines Morgens ergab es sich, dass die Raupengemeinschaft in ihrem Schlaf durch ein unbekanntes Geräusch, gestört wurde. Es durchschnitt die Stille, wie ein scharfer Windzug, der an Steinen bricht. Alle schraken auf und beobachten die Umgebung ganz genau. Es musste erst einige Zeit verstreichen, bis sie für wahrnahmen, dass sich die Puppen in den Wipfeln der Zweige bewegten, obwohl es komplett windstill war. Plötzlich trat aus einem Riss kleine zarte Beinchen hervor, vier an der Zahl. Im nächsten Moment schob sich ein schmächtiger, aber gut gebauter Rumpf hinterher, bevor im nächsten Augenblick zwei bunte Flügel zu sehen waren und das ergraute leblose Cocoon abgestoßen wurde. Wie durch einen Donnerschlag ausgelöst zappelten jetzt alle Puppen wild an den Zweigen umher. Eine nach der anderen öffnete sich und es schlüpften die schönsten feenartigen Geschöpfe aus ihnen hervor, die die Welt je gesehen hat. Flügel mit orangen Spitzen, die wie vom populärsten Maler in edles Elfenbeinweiß getaucht übergingen. Andere hatten rote Flügel, über die sich dunkle Linien schlängelten, als ob Magmaströme aus einem Vulkan sich ihre unvorhersehbaren Wege bahnen.

 

Eines dieser Geschöpfe war goldgelb, wie ein hochschwangeres Rappsfeld im Frühling, und flatterte vergnügt auf die kleine Raupe zu, die sich inzwischen wieder auf die Hinterbeine stellte, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Es war vergebens. Alle Augen richteten sich auf die fliegende Blumenwiese. Und so sprach der gelbe Schmetterling „Hey, kleine Raupe! Hier oben bin ich, kannst du mich sehen? Siehst du wie ich fliege? Siehst du, wie ich aussehe? Und du bist noch immer was du bist und warst!“. Beleidigt gab die kleine Raupe zur Antwort „Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Wer am Boden schon die Schönheit selbst ist, kann auch mit allen anderen Wesen in der Luft Schritt halten!“ Die Raupengruppe nebenan, war noch immer fasziniert. Nicht ein Blick streifte die arme kleine Raupe, die in diesem Bewusstsein gekränkt ihr Faulenzerplätzchen aufsuchte, um sich wieder in Einsamkeit zu üben. Von weiten sah sie die anderen Raupen durch die Grashalme hinweg krabbeln in Richtung der hohen Bäume, wo sie ihre Puppen webten.    

 

Lange dachte die kleine Raupe an das Gespräch und all die anderen Raupen, die sie einst bewunderten und nun von ihr abgewendet haben. Sie schaute ihren Körper hinunter und musste mit arger Verwunderung feststellen, dass ihre Farben ausgeblichen von der Sonne sind. Auch sie ist mir nun nicht mehr hold und raubt mir meine Farben, dachte sie im Stillen und schluchzte. Ich bin hässlich und kann noch nicht einmal fliegen. Jede Motte kann mich in den Schatten stellen. So hing sie an dem altbekannten Faulenzerplatz herum. Das Blatt, unter welchem sie hing, hat Löcher bekommen und schützt sie nicht mehr ausreichend vorm Regen, der nun immer häufiger vom Himmel plätschert und mit ihren Tränen gemeinsam den Staub am Boden in Matsch verwandelt.

 

Viele Sonnen gingen auf und wieder unter, bis plötzlich alle Puppen aufsprangen und die grüne Wiese wieder mit allerlei Farbtupfern gesäumt wurde. So trafen sich die ganzen jungen und alten Schmetterlinge und sonnten sich. „Hat einer von euch die kleine dicke Raupe gesehen?“ Alle Schmetterlinge verneinten die Frage und flogen sofort aus, ihren ehemaligen Freund zu suchen, doch nirgends war eine Spur zu finden. Als letztes gelangten sie an jenen Baum, der der Lieblingsort der kleinen Raupe war. Doch das einzige, was sie fanden, war ein löchriges Laubblatt und ein morscher Zweig, an welchem etwas hing. Bei näherer Betrachtung was es eine Puppe. Alle atmeten auf und freuten sich, dass die kleine Raupe bald auch ein Schmetterling sei. Von da an besuchten sie regelmäßig den Baum. Doch egal wann sie vorbei kamen - das Cocoon blieb verschlossen. Grau und fad hing es am Zweig, wie eine Träne, die nicht fallen möchte. Das Coccon blieb und verbarg unterdes eine Raupe, die nie ein Schmetterling werden wollte.  

    



Der außergewöhnliche Herr A

 

Herr A ist von Natur ein durchschnittlicher Mensch. Darüber hinaus ist Herr A nicht hässlich und ebenso wenig hübsch. Er kann weder mit Geld um sich werfen, noch muss er jeden Pfennig zweimal umdrehen, auch wenn er sich selber gerne in die zweite Kategorie zählen würde, denn Geld hat man schließlich nie genug. Keine Entstellungen deuten auf imaginäre Kriegsjahre hin, auch wenn die Pflichtmonate in der Armee etwas anderes vermuten ließen, laut Herrn A`s Berichten. Keine kleinen oder großen Manipulationen des Äußeren, die etwaige Eitelkeiten erkennen lassen. Er hat eine Arbeit, der er missmutig jeden Morgen von Montag bis Freitag entgegenblickt. Er ist weder besonders klug, noch besonders dumm. Er eignet sich sein Wissen aus der täglichen Presse an, sodass er stets auf Arbeit mit seinen Kollegen Schritt halten kann, um jegliche Politik und möglichen Boulevardklatsch auswerten zu können. Dazu gehören auch die aktuellen Fußballergebnisse, um sich auch mit den Sportbegeisterten nicht schlechter zu stellen. Doch sein Chef nimmt ihn kaum wahr, und manchmal nimmt er ihn dafür vielleicht zuviel wahr - so gleicht sich alles aus denkt er bei sich. Trotzdem ist er jeden Tag pünktlich und geht eine Minute nach offiziellem Feierabend ausstempeln. Seine Stimme hört man innerhalb der Arbeitszeit nur bei diversen Kundenreklamationen am Telefon. In der Pause amüsiert er sich gemeinschaftlich über den neuen Praktikanten, welcher meist alleine neben der Kaffeemaschine sitzt und sein Buch liest von Autoren, die die Welt zwar vermisst, aber deren Anblick sie sich schon lange entwöhnt hat. "Der Name sagt mir etwas"-Geschwafel reicht Herrn A bei diesen Themen vollkommen aus. Er nutzt auf den Weg ins traute Heim gelegentlich die öffentlichen Verkehrsmittel, doch zwingt er sich von Zeit zu Zeit zu einem Spaziergang, denn das fördert den Kreislauf und ist gut für den Körper, wie sein Hausarzt so gern zu sagen pflegt. Wie ein Strich in der Landschaft sieht man seinen Schatten dann von Laterne zu Laterne wandern. Das Rauchen hat er sich schon lange abgewöhnt, viel lieber schaut er der Allerweltsflimmerkiste beim flimmern zu und belustigt sich am Unglück anderer und ist froh wie er ist - ein Durchschnittsmann. Einer unter vielen. Doch zu fortgeschrittener Stunde ertappt er sich nicht selten, wie er in der Werbung kurz vor Ladenschluss zum hiesigen Tante Emma Laden schleicht, um seine Lieblingsmarke Red Apple zu ergattern. Stehen am nächsten Morgen neben ihm am nassglänzenden Bahngleis zehn weitere Herren der Schöpfung, so vermag man ihn nicht herauszufiltern. Alle riechen sie nach nassem Hund, weil sie allesamt zu stolz waren den Regenschirm hinter der Tür vorzukramen, wenn sie denn überhaupt einen besitzen. Alle elfe stehen in dreiviertel Mantel parat und schauen fast synchron auf ihre viel zu große Armbanduhr, sobald die gehetzte rote Bahn herandampft. Fünf von Ihnen leben in einer Beziehung, glücklich oder nicht spielt dabei keine Rolle. Herr A gehört zu den anderen sechs, denn er bezeichnet sich als Steppenwolf, den keine Frau zu binden vermag. Er genießt seine Freiheit Zug für Zug. Er weiß, was ihm am Besten tut und spottet gern beim allmonatlichen Feierabendbier über alle, die nicht so sind wie er, denn er ist der immer bestand habende Prototyp des ganzen Volkes. Er lacht aus voller Kehle über andere, doch umso seltener über  sich. Fröhlich mit sich und seiner naiven Weltvorstellung in der ausgeleierten Cordhosentasche torkelt er nach Hause, unser lieber Herr A.

 

Zur Zeit bewohnt Herr A eine zwei Zimmer Wohnung im Stadtzentrum. Der Altbau zeichnet sich durch große Türen und doppelt so hohe Decken aus, durch die auch der größte Mensch der Welt ohne Verbiegung hindurch schreiten könnte, doch das interessiert Herrn A kaum, denn er ist nur mittelmäßig groß. Es gibt sogar eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Frauen die größer sind wie er, und manche könnten ihn sogar auf die kahlen Stellen am Hinterkopf grinsen, von denen er selbst am besten zu schweigen weiß. Jeden Freitag freut er sich in Ruhe zurück nach Hause zu kehren. Er verschwindet dann hinter der Tür und ist vergessen. Wie der nahe Stadtsee, der sich nach einem groben Steinwurf auf die Wasseroberfläche langsam zu glätten bemüht ist, so bildet die Tür mit dem restlichen Treppenhaus ein unzertrennliches Ganze. Herr A hat den unsichtbaren Unsichtbarmachkeitsumhang gefunden. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob er hier ist oder nicht, denn niemand hat ihn wahrgenommen. Kocht er? Schläft er? Schaut er der Flimmerkiste beim flimmern zu? Niemand weiß das und niemand interessiert das und schon gar nicht Frau B - denn sie ist eine Durchschnittsfrau. Sie wischt gerade die Treppen hastig ab, um niemand begegnen zu müssen. Es ist schließlich keine Grafschaft, sondern nur ein Mehrfamilienhaus denkt sie bei sich. Der Kerl hier in der Mitte weiß aber auch sein Schuhwerk nie ordentlich neben die Tür zu stellen. Typisch Junggeselle! Kreuz und quer liegen sie hier auf der Etage verteilt, als ob er der einzige wäre. In der Familie spricht sie immer von dem Unordentlichen von nebenan, denn den Namen weiß sie nicht, es interessiert sie nämlich nicht. Manchmal dringen Stimmen durch die Wände bei Nacht. Heute ist wieder eine solche, darum wechselt sie das Zimmer und hängt die frische Wäsche auf den Dachboden auf. Das Kindchen C von gegenüber schläft derweil tief und fest in seinem Bettchen unter den Augen seines Lieblingsfußballers. Der Samstag ist noch jung und so trifft er sich wie gewöhnlich mit seinen Schulfreunden vor dem Hause, um bei den Garagen Fußball zu spielen. Der dreckige Ball mit dem er gestern noch auf der matschigen Wiese spielte hinterlässt dabei nicht nur gleichmäßig runde Abdrücke an der hellbraunen Wand, sondern knallt lautstark gegen die schroffe Garagenwand - fatsch fatsch macht es. Wie eine feiste Kröte, die im Hochsommer auf kochende Steinplatten prallt. Je öfter der weiß-schwarz gefleckte Ball dagegen flog, desto härter wirkte der Aufprall, der schallend sich durch die Häuserschlucht wand. Den ganzen Vormittag spielten sie, so wie jeden Samstag. Wenn das Wetter es zuließ sogar am Sonntag. Mit knirschenden Zähnen saß derweil Herr A aufrecht auf seinem Sofa und hätte vor Wut platzen können. An seinen einzigen freien Tagen der Woche muss er wohl aus der Wohnung getrieben werden von diesen Bälgern. Aber er blieb standhaft und gewann den Kampf gegen den Ton, der zur Mittagszeit verstummte - noch wusste er nicht, dass das Wetter morgen gut werden sollte. Nicht unplötzlich suchte ihn der Tagtraum heim, dass sich sein Leib nach mehr Ruhe sehnt. Am Besten in einer ländlich frommen Gegend mit wenig Stadt und umso mehr Herzlichkeit. Ein Durschnittsmann, ein Wort und schnell war er fort.


Einige Zeit verging und die Wochenblätter wurden währenddessen wie fallende Blätter im Herbst an der gefalzten Stelle vom Kalender abgerissen. Herr A nimmt nun meist die Bahn, denn sonst würde ein zweistündiger Lauf bevor stehen. Das wäre der Gesundheit doch zuviel des Guten. Was kümmert ihn schon der eingefleischte Schweißgeruch der immer noch hektisch fahrenden Bahn, denn schließlich hat er Ruhe und es ist Wochenende. Kurz hinter seiner Haltestelle blüht ein gelbes Rapsfeld über welchem man bereits die schrägen Hausgiebel seines neuen Heimes erkennen kann. Kaum dreht er den Schlüssel um, erwacht die vieläugige Wand. Er bemerkt die Augen nicht, doch sie ihn. Sie sind anhänglicher, als sein eigner Schatten, und folgen schneller als dieser die Treppen hinauf. Auf seiner Etage angekommen, kann er sich kaum der Schuhe entledigen, als das nicht Frau D per Zufall im gleichen Augenblick die Tür fast aus der Verankerung reist. Scheinbar ist sie jede Woche an der Reihe mit der Hausordnung. Viele Fragen zu seiner Arbeit und seiner Tagesstimmung muss er immer wieder ertragen. Frau D wird nicht müde versteckte Andeutungen auf die unzufriedenstellende Hausordnung des Herrn A verblümt mitzuteilen. Es ist schließlich ein kleines Schmuckstück dieses Haus und kein Hinterwäldlerheim für Asoziale sagt sie immer im charmanten Bauerndialekt. Mit wohlwollen Blick deutet sie auf den weißen Handschuh von letzter Woche, der kräftig Schmutz in allen Ecken nicht verschönte, denn an der Spitze war der weiße Fließstoff zu verkommenen grau-schwarz melierten Tönen mutiert und diente als Beweis dafür. Des Übrigen gibt es heute ein Fest zum Gedenken des sechsundzwanzig jährigen Jubiläums der Vorvorvormieter, die sich ein Denkmal schufen, indem sie uneigennützig den gesamten Hausstand in einem regionalen Radiosender grüßten. Ein rühmlicher Tag für jeden Bewohner, der von da an immer hoch gefeiert wird. Es gibt immer etwas zu feiern und Schluss ist`s mit der schönen erdachten Ruhe von Herrn A. Widerwillig stimmt er zu und verschwindet in seinem zwei Raum Glaszimmer. Kocht er? Ja weiß Frau D, denn er bringt schließlich heute Abend Kartoffelsalat in verschiedenen Variationen mit zum Fest. Schläft er? Sicher nicht, denn so wie er nach Schweißfüßen stinkt, muss er lange in Seife baden. Schaut er der Flimmerkiste wieder beim flimmern zu? Ja und das ohne viel Verzagen, er schaut wohl nebenbei Erwachsenenfilme, um sich in Schwung zu halten, weiß Frau D dank ihres Lieblingsnichtrinkglases. Typisch Junggeselle! Diese neuen Erkenntnisse werden gleich von an Frau E übermittelt, die sich extra beeilt hat, um während der Hausordnung von Frau D über Herrn A zu befragen. Ordnungsliebsam ist er kaum. Sie klingeln wie die Feuerwehr bei akuter Brandgefahr und schauen in sein blasses Angesicht. Höflich wird der Makel angezeigt und um Besserung gebeten. Wenn er doch grad draußen sei wärs sicher nicht zuviel verlangt mit den Kindchen F zu spielen. Das Wasser tröpfelt unterdes schrittweise über Topf und Herd. Schnell jagt er zurück zur Küche, während Frau D und Frau E kopfschüttelnd wie Giraffen jede nur denkbare Ecke beäugen. Die Nacht bricht herein und Herr A`s Seelenzustand ist aufgebrauchter als die Kirchenkollekte am Sonntagmittag. All die Forderungen und Erwartungen das Gesamtbild zu wahren haben ihn ziemlich schmerzlich zerfahren. Mit sieben Schüsseln, die bis zum Rand voll mit Kartoffelsalat in verschiedenen Variationen sind, stolpert er die Treppe zum hauseignen Garten hinab und trifft auf lauter Gesichter derer er nicht kennt, doch kennen sie Herrn A genau, denn er ist ein Durschnittsmensch wie sie.