Essays


Deemotionalisierung

Wir leiden an einer sukzessiv wachsenden Deemotionalisierung.
Ein Satz, der schnell geschrieben und noch wesentlich schneller gesprochen werden kann, dennoch bin ich dazu gewillt das schwarze Nichts mit Strahlen des Lichts zu zerschneiden. Natürlich hege ich in solcherlei Punkten keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zu meinen Themen habe ich weder Studien geführt, noch literarische Quellen gefunden, die meine Thesen untermauern könnten. Es ist, wie sooft davon auszugehen, dass es zu jeder Wahrheit eine entsprechend gegenteilige Wahrheit gibt, die das vorangegangene in gewisser Weise aufweicht, dennoch kann es nie zwei Wahrheiten in einem Genius zur gleichen Zeit geben. Wir ändern unsere Meinung tagtäglich, geben dies aber unter unserer zu Stein gewordenen Rüstung Haut nicht zu, weil es gemeinhin als unnatürlich zählt, heute das Tal und gestern die Bergspitze zu huldigen. Wieso können Sie sich nicht entscheiden? Eine Frage, die nur Spott und Verachtung verdient hat und die Ohren nur noch als bloßes rudimentäres Organ von den Schädelseiten baumeln und keinerlei Aufgaben mehr erfüllt wissen, denn jene Person hat sich bereits entschieden – heute das Tal, gestern die Bergspitze! Ich hoffe nach diesem notwendigen Exkurs erklärt zu haben, dass meine Toleranz gegenüber anderen Gesinnungen, nicht nur bezüglich des Themas Deemotionalisierung, sondern auch allen anderen Gedanken, die mir entweichen, nicht existent ist.
Wohlan, der einzige Beweis, mein güldener Soldat par excellence, den ich gewillt bin, in die Schlacht zu schicken, ist das Sehen. Als solches lege ich nun drei kleine Anekdoten dar, die eben diesem Keim entsprungen sind und möchte diese im Anschluss sezieren. Diese Anekdoten sind im simplen Schriftbild gehalten, ohne künstlerische Ausschweifungen vorzunehmen, da sie gemeinhin nicht notwendig sind, weil jeder Mensch, der vorzugsweise in Großstädten lebt, genügend Material in seinen Erinnerungen finden dürfte, um meine Skizzen mit Farben auszumalen. Aber auch Dörfler dürfen uneingeschränkt weiter lesen, es sei denn deren Fantasie reicht für jene Bilder, die zum tagtäglichen Leben unter abertausenden Menschen dazugehören, nicht aus.

Wir fahren mit der hiesigen Straßenbahn am frühen Morgen zur Arbeit. Die Bahn ist gefüllt mit einer solchen Menge vermeintlicher Gleichgesinnter, dass die angebotenen Sitzplätze nicht mehr ausreichend sind. Da Blickkontakt nicht verboten, jedoch verpönt ist, ist es notwendig sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Die Tageszeitung mit dem Tratsch und Klatsch, über den die kommenden Stunden unentwegt gesprochen wird, ist ein adäquates Hilfsmittel dafür. Am liebsten würden die Meisten hier einen Mantel der Unsichtbarkeit über sich werfen, um doch vor umherschweifenden Blicken geschützt zu sein. Jeder zählt die Haltestellen herunter, bis zu jener, wo er aussteigen muss, um einer noch unliebsameren Tätigkeit nach zu gehen. Keiner hofft auf außerordentliche Zwischenfälle und dann passiert es doch. Das Gummi der Türen lockert sich und kalte Luft ist der Vorbote neu hinzuströmender Menschen. Oberflächlich werden sie alle beäugt, doch das Interesse wendet sich ebenso schnell wieder ab, wenn es denn möglich ist. Einer der Neueingestiegenen Gäste erhebt lautstark das Wort. Er trägt eine schmutzige Flecktarnhose und ein olivfarbenes Oberhemd. Es ist unmöglich, dass jener mit Löchern übersäte Mantel Schutz vor der Kälte des Winters bietet. Das Gesicht hat eine rot-blaue Farbe angenommen, wobei eigentlich nur die Nasenknolle glüht. Er zieht einen beißenden Gestank nach sich und sticht genau betrachtet aus der Maße von Menschen hervor. Dieser spricht nun erst ruhig, später stärker gestikulierend zu seinen Mitfahrern: „Einen schönen guten Morgen meine Damen und Herren. Ich verzeihe die frühe Störung, bitte aber dennoch um Ihre Aufmerksamkeit. Ich war Soldat für die deutsche Bundeswehr. Bei einem Auslandseinsatz in Afghanistan ist mein Auto über eine Landmine gefahren. Mein Leben habe ich glücklicherweise dort nicht gelassen, aber mein rechtes Bein. Diese Behinderung erschwert mir mein Leben in der normalen Welt. Ich finde keine passende Arbeit und nachdem mich mein Vermieter vor die Türe gesetzt hat, lebe ich obdachlos im Schatten der Bäume, nächtige auf Parkbanken und bin darauf angewiesen zu Betteln. Ich würde Sie wirklich nicht fragen, wenn es nicht eine absolute Notwendigkeit wäre, ich würde mich trotzdem freuen, wenn Sie vielleicht etwas Kleingeld haben, um es mir zu ermöglichen eine Kleinigkeit zu essen zu kaufen.“ Mit diesen Worten endet die Ansprache. Keiner der Zuhörer verzieht eine Miene. Jene, die keine Beschäftigung hatten, schauen nun apathisch zum Fenster hinaus, dann fährt er fort: „Niemand? Ich habe mein Leben für dieses Land riskiert und so wird es mir gedankt!“ Wie ein eingesperrtes Tier rennt er schnaufend durch die gesamte Bahn, bis seine Erlösung, die nächste Haltestelle erreicht ist und er aussteigen kann, um die Straßenbahn mit wüsten Beschimpfungen vom Gleis zu verabschieden.    

Was ist passiert? Aus Sicht dieser Menschen, die ungewollt glauben, Teil eines Theaterspiel geworden zu sein, nichts außergewöhnliches. Jeder von Ihnen kennt solcherlei Bettler zur genüge. Manche von ihnen lassen sich eine gute Geschichte einfallen, wonach böse Zungen behaupten mögen, dass diese Art der Kreativität sich besser eignen würde zur Arbeitssuche, andere gehen dabei eher plebsig zu Werke, sodass die klare Absicht, an Geld zu gelangen förmig auf der Stirn eingemeißelt steht. Der Volksmund ist sich aber einig, denn hier verlangt eine Person Geld, die es nicht wert ist, jenes zu erhalten! Sie tut nichts für mich, ja sogar nicht einmal für sich selbst und in der Quintessenz schon gar nicht für die Gemeinde. Letzterer Punkt wird zeitweise entkräftet durch die Masche beim Präsentieren scheinbarer Familienfotos, die vom eigenen Wesen auf den größeren Zusammenhang deuten lassen sollen. Darüber hinaus leben wir in einem Sozialstaat, niemand muss Hunger leiden und alle können fröhlich unter einem Dach das Leben fristen. Damit wären die Grundgedanken aufgestellt, warum ein Bettler kein Geld bekommen sollte. Wenn es die Güte also doch einmal anders gewollte hätte wie in der Geschichte, dann passiert dies aus kalkulierbaren Beweggründen. Der Geber ist voll des Mitleids und fühlt sich im Zuge des Unwohlseins so vieler offensichtlicher Ungleichheit auf der Welt dazu aufgefordert, sich von seiner Sünde frei zu kaufen, um somit den leichtesten aller Wege zu gehen - den christlichen! Die andere Art Mensch, gibt gönnerhaft von seinem Überfluss ab, und möchte den Glanz in den Augen genießen und nimmt das süße gleichgültige Dankeschön als Trompetenschrei der Engel wahr, der ihn erhöht zu dem, was er im Spiegel sieht oder sehen will - einen guten Menschen! Gleiches gilt bei niederen Wesen, die unterm Strich am Abend zu ihrem Ehepartner sagen wollen, dass sie sozialer sind, als die restliche graue Masse. Gibt es denn niemand auf dieser Welt, der einfach nur helfen möchte, der Hilfe wegen? Nein, denn wir leiden an einer sukzessiv wachsenden Deemotionalisierung!
Die Münze hat natürlich eine zweite Seite, namentlich jene, des Bettlers, der entweder die Wahrheit spricht oder sein Kostüm geschickt auf die Scharade angepasst hat. Beginnen möchte ich mit dem letzteren, da dies dem allgemeinen Glauben entspricht, dass solcherlei kühne Schicksalsbegegnungen uns heutzutage nur beim Fernsehen schauen, beim Radio hören und beim Beschauen der täglichen Zeitungsbilder doch den tatsächlichen Atem der Straße haben die wenigsten gerochen oder auch nur im entferntesten gespürt. Wie fühlt sich beispielsweise Hunger an? Hunger entsteht im Übrigen nicht, weil das Frühstück aus Zeitgründen ausfallen musste, während andere Schicksale, wie die Ratten den Dreck des Überflusses schlucken müssen. Die Technik, die der Träger des Fortschrittes per se ist, dient dabei der bloßen Bequemlichkeit, vor allem im Punkte des Denkens. Die Medien warnen vor Trickbetrügern, die als Marionetten vor ihren Strippenziehern stehen, um im großkalibrigen Bonsenschlitten durch die Stadt zu fahren. Natürlich gibt und gab es derartige Organisationen schon immer in der Geschichte, welche aus dem Boden gestampft wurden und aus mehr oder minder großen Leid entstanden. Dies ist im Übrigen der Nährboden für alles! Das heißt, dass diese Menschen nicht nur mittellos sind, sondern gar noch eine Gefahr für den eigenen Wohlstand darstellen. In diesem Fall hat der Bettler seine Arbeit, denn nichts anderes ist Betteln, getan und steigt in die nächste Bahn ein, um die Schallplatte erneut abzuspielen - vielleicht hat er dort mehr Glück. Und wenn dieses ihn ereilen sollte, dann wird sein Einkommen, wie eine horrende Steuer am Abend an die Obrigkeit abgegeben. Eine derartige Variante des Diebstahls ist  gebräuchlicher, als man ohnehin vermuten wollen würde. Falls er sein rechtmäßig erworbenes Geld behalten darf, legt es der Ottonormalbettler in seinen Sparstrumpf, den er extra aus dieser Funktion heraus, ein Jahr lang nicht getragen hatte. Besonders ärgerlich war jedoch der Zeitpunkt, als er feststellen musste, dass die Socke seit geraumer Zeit ein Loch hat und deswegen kein Kapital mehr vorhanden ist. Um sich solcherlei Vorkommnisse für die Zukunft zu sparen, gibt er sein Geld in der kalten Jahreszeit für wärmende Maßnahmen, wie Branntwein aus. Die Güte ist egal, nur das billigste erhält den Zuschlag. Dafür wird selbst auf Essen verzichtet. Wenn er nicht betteln ist, dann verbringt er am liebsten Zeit an der nahe gelegenen Bahnstation oder in einem Park, um mit Gleichgesinnten, über die Tölpel zu lachen, die ihr Geld gegeben haben und jene zu beschimpfen, die sich verwehrt haben.
Ja, ich widerspreche niemanden, der mir alles voran geschriebene sogar mit Beispielen zu belegen vermag. Alles dies verdient Ablehnung im besonders schweren Fall, doch bitte lieber Leser halte inne und denke dir für den Bruchteil einer Sekunde, dass die Geschichte nicht erfunden, sondern wahr ist. Lese sie nach, von diesem Gift und Galle schäumenden Menschlein, der die Welt nicht mehr versteht, der seinen Dienst im Auftrag der Regierung absolvierte mit unwiederbringlichen Folgen. Vielleicht hat ein böser Geist ihn dazu getrieben seine Abfindung zu verleihen, denn das wissen wir aus seiner Erzählung nicht, aber welche Wichtigkeit misst diese Seite der Waagschale schon? Stellen Sie sich vor, wie dieser Mensch in der Kälte in einen Park geht, mit stinkenden Zeitungen bedeckt und nur hoffend, dass am nächsten Morgen ihn jemand seine Lebensgeschichte glaubt, um so viel Geld zu erhalten, um erhobenes Hauptes sich das günstigste Brot vom Vortag leisten zu können. Nein er kann zu keinem Amt, um die Güter einzufordern, die ihm zu stehen, denn diese Handlung wäre die Flamme auf seine Benzindurchdrängte Ehre. Wer nicht in Märchen erzogen wurde, wird wissen, dass jener Bettler lieber hätte im Krieg sterben sollen, als hier vor unseren Augen, denn dies ist einfach nicht begründbar, nicht menschlich. Nur wer ein Quäntchen Emotionen und Gefühle in seiner Brust reißen spürt für einen armen Teufel gleich diesem, weiß ihm zu helfen. Doch wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, auf ein Possenspiel hereinzufallen? Genau fünfzig zu fünfzig Prozent, wie jede Entscheidung, die getroffen werden muss.

 

Eine Person besitzt den erstaunlichen Vorteil, sich befähigt zu fühlen, mit dem eigens erworbenen Geld keine Misswirtschaft zu betreiben. Sie will dafür Sorge tragen, dass das Geld gut verwahrt ist. Natürlich ist der erste Gedanke dafür eine geeignete Bank zu suchen, die sich legitimieren kann, seriös zu sein und im besten Fall eine ansprechende Zinsvergütung bewilligt, um zu einer Vermehrung des Kapitals beizutragen. Als Anlageform wählt die Person eine konservative Sparform – einen Sparbrief. Jenes Papier zeichnet sich aus, rentabler zu sein, als andere Möglichkeiten jener Bank und ist als solches nur an eine Bedingung geknüpft, die da wäre, dass der Sparbrief eine feste Laufzeit hat, welche in jedem Fall erfüllt sein muss. Keine Verfügung! Die modernen Zeiten wollen es leider so, dass Dinge anders sind, als sie vorgeben zu sein und so können immer und überall Verläufe passieren, die nicht im Entferntesten einen kurzen Moment der Andacht verdient haben. Ein solches Ereignis ist jenem Sparer passiert, der nun auf biegen und brechen heraus sein angelegtes Geld benötigt, da er ansonsten über keinerlei liquide Mittel mehr verfügt, auch wenn die Laufzeit noch nicht beendet ist. Er richtet verzweifelte Anrufe an die Mitarbeiter der Filiale, in der er den Abschluss getan hatte. Einzig die barsche Information, ein Schreiben mit den Gründen einzureichen, ist ihnen zu entlocken. Dieses reicht er ein. Der Bankberater am Schalter nimmt mit gerümpfter Nase das Stück Papier entgegen und liest. Ein kleines Zucken der Mundwinkel ist zu erkennen, bevor er das Schriftbild und vor allem die Rechtschreibefehler des Kunden moniert. Er liest abermals, jetzt jedoch mit dem Unterschied, dass er laut liest „Ich benötige das Geld, weil ich es brauche, um zu leben“. Ein weiteres Schmunzeln kann sich der Berater nicht verkneifen. Er schiebt den Brief zurück an den Kunden mit der Aussage „Das reicht nicht aus!“
Zunächst möchte ich die Seite der Bank näher begutachten. Wer Angestellter einer Bank ist, ist nicht nur ein Sklave des Kapitalismus, sondern versteht es gut, einfache Tatsachen zu seinen Gunsten zu verdrehen, denn dafür steht Verkauf. Wir reden hier also nicht von dem Intellekt eines Bankkaufmannes, dessen Berufbild vielleicht vor einem halben Jahrhundert noch allgemeines Ansehen genoss, sondern von einem einfachen Verkäufer. Es gibt Bäckereiverkäufer, Blumenverkäufer, Automobilverkäufer und eben die Gilde der Geldverkäufer. Es ist wichtig herauszustellen und zu begreifen, dass es keinen gemeinsamen Nenner zwischen Berater und Kunde geben kann, da der Angestellten einen unbedingte Gehorsam gegenüber dem Kreditinstitut zu erfüllen hat und an keinerlei soziale Aufträge gebunden ist. Was für den Kunden sein gesamtes Vermögen ist, ist für die Bank weniger als das Papier, mit welchem sich das Hinterteil abgeputzt wird. Was machen dann also zwei oder drei Blatt aus? An und für sich natürlich nichts, aber der Kunde hat einen Vertrag unterschrieben und in diesem Fall ist Tinte dicker als Blut. Auf Rechtswegen kann der Kunde nicht an sein Geld gelangen, nur mit besonderer Einsicht auf einen Kompromiss oder aus Kulanz des Angestellten. Dieser ist dadurch natürlich in der stärkeren Position und verlangt mit Schmeicheleien umgarnt zu werden, obwohl hier ebenso wenig von seinem persönlichen Geld die Rede ist. Der Kunde könnte beispielsweise auf seine Zinsen verzichten, oder nur den wirklich wichtigsten Anteil an Geld fordern, den er tatsächlich benötigt. Doch ohne diese Aspekte in Erwägung zu ziehen, lehnt die Bank ab, mit dem Verweis auf unzureichende Einzelheiten, die notwendig, sind um eine Begründung zu fällen. Wenn das Kreditinstitut dies unterließe, würde sie wohl Gefahr laufen, von diesem Zeitpunkt an öfter mit derartigen Anfragen überhäuft zu werden. Jedoch trifft die erste Entscheidung widerrum nicht die Bank, sondern der Verkäufer, der Bankberater, der vermeintliche Mensch.
Auf der anderen Seite haben wir einen naiven Kunden, der von der Gier gesteuert seinen Rachen nicht voll genug bekommen konnte und trotz der Bedingung der Bank mehr Zinsen haben wollte und damit bewusst ein höheres Risiko in Kauf genommen, aber womöglich nie ernsthaft diese Möglichkeit in Betracht gezogen hat. Er war nicht zufrieden, dieses Geld gespart zu haben und in Sicherheit zu verwahren, denn er wollte mehr. Und dieses mehr sind Zinsen, doch woher kommen Zinsen? Wer muss für dieses Buchgeld arbeiten? Wer diesen Grundsatz weiter verfolgt, wird feststellen, dass der Kunde ein eben so großer Kapitalist wie der Bankberater ist und somit zumindest in dieser Perspektive auf der gleichen Stufe steht. Gemäß dem allgemeingültigen Anlagedreieck existieren genau drei Ziele für eine Geldanlage, die da wären Rendite, Sicherheit und Flexibilität. Zieht man an der einen Seite des Dreiecks, so wird automatisch mindestens eine andere Fläche der restlichen Ecken vermindert. Wer somit den höchstmöglichen Ertrag erwirtschaften möchte, muss einbußen in punkto Sicherheit, Flexibilität oder sogar beides hinnehmen.
Als Endergebnis kann festgehalten werden, dass eine Vereinbarung getroffen wurde, die unter keinerlei Umständen aufgelöst werden soll. Ich habe bewiesen, dass der Bankberater die stärkere Position einnimmt und dass der Kunde objektiv betrachtet, ein ebenso großer Kapitalist ist. Doch was hat dies alles mit Emotionen zu tun? Die einzige Seite, die bis dato noch keinerlei Zugang erfahren hat, ist die menschliche. Menschen sind die Gesichter von Unternehmen und nicht selten weniger auch die handelnden Personen hinter einer großen Maschinerie. Das Wort Menschlichkeit ist daher nur ein anderer Ausdruck für Gefühle, die wir uns in einer sicheren Umgebung leisten können. Jedes Tier kämpft im Schweiße seines Angesichts zu jeder möglichen Zeit um sein Überleben, das ist bei uns nicht mehr so – zumindest haben wir es verlernt, weil wir in großen Gemeinden wohnen und uns mittlerweile ein dichtes Netz der Sicherheit über den gesamten Erdball gesponnen haben. Die seltensten Entscheidungen von uns sind ausschlaggebend über Leben und Tod, deswegen können wir uns den Luxus erlauben, Emotionen zu zeigen und uns von Gefühlen leiten zu lassen. Menschlichkeit sorgt für subjektive Gerechtigkeit, dass niemand unnötige Leiden leidet. Projizieren wir dieses Gefühl nun auf die Begründung, warum der Kunde sein Geld vor dem vertraglich festgeschriebenen Laufzeitende haben will „Ich benötige das Geld, weil ich es brauche, um zu leben“. Schieben wir das Misstrauen beiseite und gehen nicht davon aus, dass jener Person keine bessere Begründung als Vorwand eingefallen ist, sondern nehmen dies für bare Münze! Als solches hat der Kunde nicht die allgemeinste, sondern die präziseste Aussage überhaupt getroffen. Er offenbart sich mit brutaler Einfachheit, denn er benötigt das Geld zum Leben! Wir können beim stupiden Lesen denken, was wir wollen, jedoch bleibt der Bodensatz Wahrheit, dass ein Mensch, ein Wesen von gleicher Abstammung unsere Hilfe benötigt, da er sonst befürchten muss, zugrunde gerichtet zu werden. Wie kann ihm dies verwehrt werden? Wir reden nicht von dem Geld des Bankberaters und wir reden schon gar nicht von außerordentlichen Mühen das Gesuch wenigstens weiterzuleiten. Wofür leben wir in einer komplizierten Gesellschaft mit Rechten und Pflichten, wenn die einfachsten Zusammenhänge zusammenhangslos bleiben und wir nicht mehr für einander sorgen?
Wir sind emotional abgestumpft und rundgelutscht, wir gehen beruflichen Tätigkeiten nach, die uns nicht befriedigen und glauben, weil wir uns auf Arbeit – die wir uns zu irgendeiner Zeit erwählt haben – nicht menschlich fühlen, ebenso wenig menschlich handeln zu müssen. Wir tun lediglich, was uns aufgetragen wird, keiner wird uns je dafür belangen, doch welcher Sinn steckt hinter alle dem, wenn wir erbarmungslos gleich Maschinen sind und uns lediglich von ihnen unterscheiden, indem wir mehr Fehler machen als diese? Mit fortschreitender Deemotionalisierung verlieren wir unsere verbrieften Rechte als Menschen und geben die Zügel jenen in die Hand, die die Macht haben uns durch Maschinen zu ersetzen! C‘est ca!

Es ist später Abend und nach getaner Arbeit treffen sich Mann und Frau vor dem heimischen Herd. Heute ist ein Tag wie jeder andere auch, nur mit dem Unterschied, dass sich diese zwei Menschen genau heute vor einem Jahr entschieden haben, ein Paar zu sein. Ein Jubiläum ist immer ein Grund zum Feiern, daher wälzen sie die Gedanken nach möglichen Restaurants durch. Nachdem dies erledigt ist, machen sich beide umständlich bereit, um die Uhrzeit, zu welcher nun bereits sogar ein Tisch reserviert wurde, nicht unnötig zu strapazieren. Sie kutschieren sich selbstständig im Automobil zu jenem Restaurant und haben bereits eine Laudatio im Kopf verfasst, die für den nötigen Feinschliff des Abends sorgen soll, denn immerhin verdienen besondere Ansprachen zu eben solch besonderen Momenten hervorgebracht zu werden, da sonst zu befürchten ist, dass die geformten Wörter mit der nächsten Stoßlüftung ungehört zum Fenster hinaussegeln. Alles ist zum Besten bestellt. Der erste Gang mundete vorzüglich, die Musik weckt Erinnerungen von vor einem Jahr und die Kerzen kaschieren die neuerworbenen Gesichtsfalten. Prompt serviert der Oberst den Hauptgang und verschwindet sofort im Dunkel, um der romantischen Stimmung keinen Abbruch zu tun. Beide schauen sich tief in die Augen und werden plötzlich von einer aufkommenden Unruhe gestört, die merklich von Tisch zu Tisch wandelt. In einer abgewetzten Stoffjacke schlürft mit flachen Schritten ein Mensch mit mokkabrauner Haut und schwarzem Haar, welches zu einem akkuraten Scheitel gekämmt wurde, zu jenem Tisch unseres wohlbekannten Pärchens heran. Erst jetzt wird die eigentliche Absicht deutlich, denn das Wort der Begrüßung wird begleitet, indem jene Person einen überdimensionalen Blumenstrauß Rosen hinter dem Rücken hervorzaubert. Scheinbar hat es draußen vor der Tür geregnet, denn das Rot wirkt besonders frisch, während einzelne Tropfen zum Boden hinab gleiten. Der Mann schüttelt genervt den Kopf und schaut in die entgegengesetzte Richtung, seine Frau tut es ihm gleich. Der Rosenhändler fragt dennoch „Wollen Sie eine Rose kaufen?“. An der Szenerie ändert sich nichts, daher schiebt er kleinlaut einen verzweifelten letzten Satz hinterer, bevor er wieder in der Nacht verschwindet, aus der er gekommen war „Kein Geld für Liebe?“
Es war abzusehen, dass einer der drei Geschichten eine Begebenheit in sich tragen musste, die ähnlich dieser aufgezeigten ist, da sie nicht selten ein Bestandteil solcher Abende ist. Wir haben das erstaunliche Glück bereits zwei Analysen zu anderen Situationen vorgenommen zu haben, um zu wissen, auf was ich in der letzten hinaus möchte. Wir haben auch hier wieder zwei verschiedene Parteien, die unfreiwillig aufeinander stoßen und sich somit miteinander befassen müssen.

Das Pärchen war selbstverständlich bereits öfter zusammen essen und erlebte auch mehrmals solcherlei Unterbrechungen der Romantik, in welcher sich beide gleichsam unwohl fühlen. Dieses Unwohlsein wurde zusätzlich mit der letzten Frage verstärkt. Wenn der Mann hätte den Abend mit Rosen spicken wollen, dann hätte er dies aller Voraussicht nach bereits im Vorweg organisiert. Falls nicht, würde es keinen besseren Eindruck erwecken, als wenn er vor seiner Liebsten das Portmonee zückt, als Beweis seiner romantischen Ader, die wild in ihm pulsiert. Die Frau hingegen sollte sich noch beschämter fühlen. Jedes Geschenk unterstreicht die Wertschätzung der beschenkten Person, daher müsste sie nun davon ausgehen, dass sie im gleichen Maßstab anerkannt, wie eine Straßenrose ist. Eine Rose, die rastlos durch die dunkelsten Ecken der Nacht gezerrt wird, Restaurant für Restaurant durchlaufend, um wenn nicht ihr, dann in den Händen einer anderen wahllosen Dame oder letztlich sogar auf dem Müll zu enden. Nein die Dame kann sich nur geehrt fühlen, wenn sie diesen Akt nicht ernst nimmt und lediglich den spontanen Umgang mit dem Verkäufer lobpreisen möchte, der diese tote Pflanze geschickt anzupreisen vermag; das heißt, sie ist die einzige Person, die entscheiden darf, ob dieser Kaufvertrag zustande kommt oder nicht, da nur sie wissen kann, inwiefern sie sich ansonsten gekränkt fühlen müsste.
Beobachten wir hingegen die Realität, so fällt auf, dass sich der Verkäufer in neunundneunzig von hundert Fällen auf den Mann konzentriert, da er natürlich vermuten muss, dass dies jene Person ist, die den offenen Restaurantbetrag begleicht und somit Inhaber des Geldes ist. Dieser hat nun die Qual der Wahl. In den wenigsten Fällen wird ihm der Betrag zu teuer sein, denn wer es sich leisten kann, auswärts Essen zu gehen, wird das Geld nur selten passend in der bloßen Hosentasche mit sich führen. Vergleichsweise wird auch niemand zu einer Theateraufführung gehen, wenn er nicht das nötige Kleingeld besitzt, um an den Aufführungsort zu gelangen und somit gezwungen wäre, womöglich einen langen Fußmarsch in Kauf zu nehmen. Das Geld spielt also aus dieser Sicht ausnahmsweise eine untergeordnete Rolle. Das einzige, was dieser einfache Mensch sich wünscht, ist nicht in Misskredit bei seiner Angetrauten zu geraten, denn immerhin sollte der Abend etwas besonderes werden, von dem noch lange Zeit gezehrt werden kann. Was könnte also zerstörender wirken, als aus diesen Kampf als Knauser hervorzugehen, der nur bereit ist, vom notwendigsten den kleinsten Teil abzugeben? Wenn er jedoch einwilligt und eine Rose erwirbt, was ist dann an dieser Geste außergewöhnlich? Hat nicht der feiste Glatzkopf, der direkt neben dem Herrenabtritt einen Tisch ergatterte seiner Frau mit fürchterlichem Gaulgebiss auch eben eine Rose gekauft? Aber auch der noble Herr im Pinguinfrack kaufte sie für seine galante Dame, jene die man vor lauter Blitzen und Blinken des sündhaft teuren Geschmeides kaum zu sehen vermag. Erhebung oder Erniedrigung? In jedem Fall steht fest, dass ein Käufer kein Alleinstellungsmerkmal besitzt, aber genau das ist es doch, was jedes Pärchen von sich denkt – die ersten Liebenden nach Adam und Eva zu sein oder wie Ask und Embla nach jener Erquickung der Götter als erste Lebewesen den Strand entlang zu schreiten. Es kann also nur eine Erniedrigung sein, es sei denn der Alkoholkonsum hat alles Denken bereits überflüssig gemacht. Nach jener Regel ist die beste Erinnerung jene, bei der am meisten Geld verschleudert wurde.

Der letzte in diesem Bunde ist der Blumenverkäufer. Obgleich man hoffen mag, dass diese Person vom Restaurant angestellt ist und nicht tatsächlich von Tisch zu Tisch und von Etablissement zu Etablissement stolpert. Wie viel Ablehnung würde dieser Mensch sonst alleine an einem Abend erfahren müssen? Ich bin mir sicher, dass nur ein außerordentlicher Notstand eine solche Situation herbeiführen kann, denn eines ist sicher – aus lauter Spaß und Langenweile würdigt sich niemand freiwillig derart herab. Auf Mitleid sollte man als Verkäufer in solchen Kreisen jedoch nicht bauen. Unser Bettler beispielsweise aus der ersten Geschichte, würde als Rosenverkäufer einen Fuß über die Türschwelle setzen, um sofort die Belegschaft wütend auf ihn einjagen zu sehen. Dies erfordert also einen neuen Ansatzpunkt – die Ehre. Aus dessen verständlicher Sicht, macht er nichts weiter, als einen romantischen Abend zu fördern, indem er dem Mann eine oder mehrere Rosen für seine Gattin anbietet. Ein materielles Erinnerungsstück an diesen Besuch. Getrocknet können die Rosenblätter noch Jahre später angeschaut werden, um in Erinnerungen zu schwelgen. Dass diese Samaritertätigkeit nicht kostenlos ist, würde jedem Interessenten klar sein und somit ist bereits alles notwendige geklärt. Die Wirklichkeit belehrt ihn jedoch eines besseren, da er weder der erste noch der letzte sein wird, der derselben Tätigkeit nachgeht. Daher sieht er in den meisten Fällen genierte Blicke, die sich von ihm abwenden, als ob er die Pest im Gesicht spazieren trägt oder ein schroffes Nein, nur um keine weiteren Fragen gestellt zu bekommen, doch nun war es der Ablehnung genug und er stellt die bestmögliche Frage „Kein Geld für Liebe?“ Nur ein Affe kann diese rhetorische Frage abermals mit einem Nein beantworten. Bei einem Ja muss zwangsläufig gekauft werden, also bringt der Rosenhändler damit automatisch seine potenziellen Kunden in Zugzwang, diese sind für solche Sätze aber gar nicht mehr empfänglich, denn das einzige Bestreben von ihnen ist, den ungebetenen Gast so schnell wie möglich los zu werden. Aber wieso sind die Menschen so abwertend? Sind wir nicht alle gleich? Können wir nicht ein Anliegen an eine andere Person hervorbringen, ohne von vornherein auf taube Ohren zu stoßen? Ausnahmslos alle sind erkrankt an akuter Deemotionalisierung. Kein Geld für Liebe? Natürlich hat jeder Mensch auf der Welt einen gewissen Obolus zur Verfügung, den er der Liebe opfern könnte. Wir alle wissen in welchen Größen Liebe kaufbar ist, wieso also greifen wir nicht danach? Die einzig wahre Liebe wird diese Geste weder zerstören, noch fördern. Die Gretchenfrage ist demnach, wer bei dieser Handlung eigentlich geschädigt werden würde?

Ich bin am Ende meiner Ausführungen angekommen. Ich hoffe verschiedene Aspekte in alltäglichen Situationen aufgezeigt zu haben, um den Begriff der Deemotionalisierung zu charakterisieren, denn installiert muss er in der heutigen Gesellschaft wahrlich nicht mehr werden. So wie es Schwerkraft bereits vor Isaac Newton gab, gab es auch die Deemotionalisierung bereits vor Askson Vargard. Das Wichtigste jedoch ist der Hintergrund dieses Wortes, dem sich niemand entziehen kann und zwar eine zunehmende Verminderung der Gefühle. Dies ist keine natürliche Handlungsweise und als solches falsch, denn sie entfernt uns von der Natur und dem damit verbundenen Ursprungszustand. Keiner verlangt, dass wir wieder auf Bäume klettern und in barbarische Lebensstrukturen verfallen, denn dann wären wir mehr Tier – dies beinhaltet wohl nichts schlechtes, erscheint aber als höchst unrealistisch. Des Weiteren muss ich strikt anmerken, dass es sich bei dem Geschriebenen nicht um eine Verurteilung handelt, denn dazu habe ich kein Recht. Die Welt von heute, gebietet uns Vorsicht; wir dürfen jedoch ebenso wenig den Fehler machen, eingeschüchtert zu werden. Offen mit einem gesunden Maß an Misstrauen ist die Rezeptur für ein erträgliches Miteinander, denn dies ist das Ziel, welches ein Gemeinwesen verfolgen sollte. Es muss nicht harmonisch sein, denn das wäre Utopie. Wenn wir uns jedoch als Menschen bezeichnen wollen, erkennen wir somit an, dass wir Gefühle in uns haben und eben diese sind unser wichtigstes Gut, welches wir im Austausch zur Abnahme jeglicher Waffen vor der Evolution erhalten haben. Wenn wir diese Werte verkaufen und missachten, sind wie ebenso wertlos wie wir scheinen.