Titel: Wurzelwerk

 


Seitenanzahl: 520

 


Druckdatum: 26.11.2017

 


Veröffentlichung: nicht geplant

 



Kommentar:

 

Friedrich Fersen ist Hauptprotagonist in meinem ersten Roman. Er ist kein Einzelschicksal, sondern die Regel. Eingesperrt von Erwartungen, begegnet er einer neuen Welt, namentlich jener der Kunst. Hier entdeckt er ungeahnte Talente, wenn gleich er bald auf schmerzliche Art lernen muss, dass es keine perfekte Welt gibt. Die fortdauernde Zeit reißt ihn nach links und rechts, kaum glaubt man, dass er je Herr über sich werden kann, bis er letztlich in der Lage ist doch eine Entscheidung zu treffen.      

Leseprobe:

 

 

Es grenzt an hämischen Sarkasmus einer höheren Gewalt, bedenkt man, dass das größte Glück, welches wir jemals im Stande sein werden zu erfahren, bereits beendet ist, bevor wir überhaupt in der Lage sind, es begriffen zu haben. Wohlan, alles hat seine Richtigkeit, nur dass zu allem Überfluss dieser nicht geringfügige Fauxpas, verursacht durch die entblößte Naivität des Alters, welche noch dadurch expotentiell gesteigert wird, dass sämtliche Kraft daran gesetzt wird, diesen letzten Zustand der Reinheit auf dem kürzesten Wege überwinden zu wollen, wie eine Krankheit, die ausgemerzt gehört. Die kurzweilige Fähigkeit durch die Augen der Jugend zu sehen, die gegenüber der neuen Welt noch nicht verschlossen sind und alles zum ersten Male erleben ohne die Frage nach dem letzten Mal zu stellen, ist für wahr der größte Schatz, der je gefunden werden kann.
Jeder Moment ist das non plus ultra, die Speerspitze alles Seins und die Krönung zugleich, nicht ahnend, dass eine ähnliche Begebenheit, die eben noch rege Entzückung und schier grenzenlose Freudenstürme verursachte, am selbigen Tag noch zigfach überboten wird - dieser Genuss des Alltäglichen ist Reichtum ohne einen einzigen Pfennig in der Hosentasche zu tragen. Geld spielt für Kinder nur eine untergeordnete Rolle, je nachdem in welche soziale Schicht sie hineingeboren werden und welchen Stellenrang diesem die Eltern geben. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass nicht die jeweiligen Stände, die uns in den Schoß fallen wie überreife Birnen und mit ihrem klebrigem Saft an uns haften bleiben, Verantwortung dafür zu tragen, Gleichheit hervorzurufen, sondern das Menschsein. Widerwillig muss ich mich zu jener lasterhaften Gattung rechnen, auch wenn ich daran zerbreche möge. Kann ich nicht alleine, die von der Vorsehung auferlegte Leidenszeit, als ein stiller Beobachter fristen? Muss ich tatsächlich ein Rad schlagen, wenn es nicht rund läuft? Zu oft habe ich mit Schere und Leim am Konstrukt Utopia gebastelt, als dass ich nicht zu dem Entschluss kommen könnte, dass wir uns lediglich zu bücken bräuchten, um proklamierte Wünsche wahrhaftig werden zu lassen, aber der Mensch ist zu stolz, sein Kreuz zu krümmen.
Darum habe ich ein Gelübde abgelegt. Dieses ist nicht vergleichbar mit jenem der Nonnen, aus dem einfach Grund heraus, dass meinem Versprechen das Element der Selbstgeißelung fehlt, denn ich räume mir hingegen das naturgegebene Recht zu sprechen nicht ein. Ich mochte es nie sonderlich, denn erst kommt das Wissen, dann das Wort! Aber wann kann man beurteilen, genug zu wissen, um in einen öffentlichen Disput treten zu können? Es zermarterte mir den Kopf mit samt dem innewohnenden Hirn, wenn ich darüber grübelte, doch letztlich immer dieselbe Sackgasse betrat, dass Wissen keine Weisheit bedingt. Der wahrhaft Weise besitzt die außergewöhnliche Eigenart zu schweigen, weil er erkannt hat, dass jegliche Wörter, die seine Lippen formen, nur zu Schall und Rauch verkommen für die Ohren, für die sie bestimmt sind. Wie viele Missverständnisse beruhen auf die grundsätzlichen Verschiedenheit zwischen Erzähler und Zuhörer? Ein Freund, ja selbst Verwandte sind keine Garantien, verstanden zu werden. Gerade in vertrauten Umgebungen ist es doppelt gefährlich, denn die gemeinsamen Erfahrungen verleiten zu einer leichten Zunge und bevor man sich versieht, wurde jeder Buchstabe viermal auf der Goldwaage gemessen, was im Durchschnitt eine zweifache Steigerung bedeutet. Ich werde niemals frei sprechen können, denn nur wer das Gift der Viper in seinen Blutbahnen führt, ist dagegen immun.
Des Weiteren frage ich mich, welchen Sinn hingegen Worte erfüllen, die an mein Ohr dringen? Permanent bin ich versklavt von fremden Gedanken und liege in Ketten, die mich zu Boden drücken wie ein böser Dämon. Es überfährt ein kalter Schauer meinen Leib, wenn ich notgedrungen erfahren muss, wer vor wem oder was Angst hat. Erscheint Käpt'n Hook mit gezücktem Säbel, reitet Erzengel Gabriel mit hasserfüllten Schreien über die Wolken oder hinterlässt Dschingis Khan eine Blutspur an Leichen, die ihm zum Opfer fielen? Ich weiß es nicht und möchte mir darum diese Dummheit gerne als Gut erhalten wissen, denn niemand ist Herr seiner Gedanken, darum erbete ich keine zusätzlichen. Behaltet sie alle für Euch! Einmal in den Kopf geschlichen ist ein Hammer notwendig, möchte man sie sanft wieder nach Draußen begleiten. Das Leben in einer von Grund auf schwatzhaften Gesellschaft führt unweigerlich zur Produktion neuer Schwätzer. Im Reden ist das Übel verborgen und je mehr wir graben, desto mehr werden wir fündig. 

 

Kurzum, da ich nicht spreche, schreibe ich, denn ein Buch kann geschlossen werden, ganz wie es dem Leser zu Gemüte steht.

 

Ich sammle Begebenheiten auf, die in mir Gefühlsregungen verursachen und die mich beschäftigen. Dies sind die Zutaten, die ich in ein leeres Gefäß fülle, bis es zum Bersten voll mit Leben ist. Am meisten ergreifen jene vermeintlichen Einzelschicksale von mir Besitz, in denen man sein Ich wieder zu erkennen glaubt und die einen Begleiter, einen Schatten, darstellen. Man verzeihe mir, wenn ich dabei nicht den Anspruch besitze, einen wirklichkeitsgetreuen Kontext zu erschaffen, denn ich versuche hiermit lediglich meiner eigenen Auffassung von Wirklichkeit zu entsprechen und dabei die goldenen Fäden der Realität in dieses Flechtwerk einzufädeln. Dabei baue ich Brücken und reiße sie anderenorts ein, um den schlängelnden Lauf des Lebens mir gefügig zu machen; nicht etwa um ihn gerade zu biegen, sondern um ihn begreiflich zu machen und das Dickicht, was darüber hinweg wuchert, mit meiner Machete zu lichten und für jedermann sichtbar zu machen.