Titel: Nördlich vom Süden

 


Seitenanzahl: 139

 


Druckdatum: 18.04.2016

 


Veröffentlichung: nicht geplant

 


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Kommentar:

 

Ursprünglich sollte das Buch ein Utopia darstellen, indem es ein friedliches und ruhiges Miteinander unter den Menschen gibt und nachdem sich ein jeder gerne sehnt. Doch da diese Vorstellung zu abnorm wirkt, stellte sich nach den ersten geschriebenen Zeilen heraus, dass hier eine neue Gesellschaft gebaut werden soll. Anhand eines realen Beispiels kann man die Entwicklung eines Volkes und im besonderen die Ursachen und die daraus resultierenden Wirkungen deutlich nachvollziehen, die nicht ausschließlich nur für jenes Inselvolk gelten müssen.

 

Leseprobe:

 

In der Stadt angekommen, suchte ich auf Empfehlung hin das älteste Bücher Antiquariat der Insel auf. Bis ich letztlich fündig wurde, müssen Stunden verflossen sein, denn mit meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen stieß ich bei den Einwohnern schnell an gewisse Grenzen der Kommunikation. Das Haus war unscheinbar in einer Seitengasse am Hang gelegen, sodass sich von hier eine Aussicht über die trostlose Stadt bot, aber auch den Anfang des Dschungels, aus dessen Händen ich glaubte ein Juwel empfangen zu haben. Der unbeschilderte Eingang ließ dabei eher auf ein Wohnhaus, als auf eine Bücherei schließen; keine Wimper vermutete ich mich die kommenden Jahre in dieser Kaschemme eines intensiven Studiums zu unterziehen.

 

Der äußere Eindruck bestätigte das innere in vollem Ausmaß. Die Regale reichten vom Boden bis kurz unter die Decke, von der Tapetenreste hingen und langsam der Putz herab bröckelte. Dennoch waren sie alle prall gefüllt. Nicht wenig Eindruck machten daher manche Ledereinbände auf mich, die mit Goldschnitt und Seideneinband meine Aufmerksamkeit erweckten, jedoch meinem eigentlichen Vorhaben undienlich waren, also betrachtete ich sie als Kleinod und Aufwertung der Umgebung. In den Gängen standen auf dem Boden überall Bananenkisten, die ebenso überfüllt mit Büchern waren, wie die Tische, die wie Bäume in die Höhe ragten. Nach einer ganzen Weile der Orientierungsfindung, sah ich mich plötzlich zwischen den Kisten von zwei Augen beobachten. Es war unglaublich, aber bis dato war ich derart in meiner Suche vertieft, dass ich den Händler selbst gar nicht wahrnahm; erst jetzt unterzog ich mich seinem prüfenden Blick. Er war kaffeebraun und hatte lockiges Haar, welches über die Ohren bis in den Nacken quoll. Seine Gesichtszüge waren rund und machten bei dem kleinsten Zucken der Mundwinkel eine gutmütige Miene, die mich letztlich auch dazu veranlasste, ihn zu bitten, ob er mir seiner Hilfe gefällig sein wolle. Ich ahnte noch nicht, wie weitreichend diese Frage sich darstellen würde.

 

Ich war überrascht, als er mir etwas belustigt in meiner Landessprache antwortete und so ergab sich ein Gespräch über unserer beider Leben, um den eigentlichen Grund meines Besuches so lange wie möglich im Verborgenen halten zu können. Er erzählte, dass er in Neu-Delhi studierte, bevor er hierher auf seine Heimatinsel zurückkehrte, um den Einwohnern mit Büchern das Lesen beizubringen und sie somit ihrer alten Kultur ausführlich zu lehren. Ich erfuhr schnell, dass dies kein einträgliches Geschäft war und ohne die Subventionen des Stadtrates, wäre das Antiquariat schon längst bankrott gewesen. Die Bewohner lebten einfach, um zu arbeiten und arbeiteten nicht, um zu leben. Bildung gehörte daher, wie man es sich womöglich vorstellen kann, nicht zu den primären Freizeitvergnügungen eines jeden. Dementsprechend schlecht waren die Räumlichkeiten besucht, deswegen wurden neue Lieferungen erst gar nicht mehr einsortiert, sondern nur noch abgestellt. Streng genommen handelte es sich um einen Bücherfriedhof und der Inhaber war der Bestatter, welcher gelegentlich den Toten gedachte, indem er sie aufschlug, um in ihnen zu schmökern. Ich erzählte Divari, ein Name der übrigens auf die alte Kaste der Brahmanen zurückzuführen ist, von meinem Fund und war sichtlich enttäuscht, als er mir lachend entgegentrat und berichtete, wie viele Kinder hier nicht das Glück haben, zur Schule gehen zu dürfen, denn dies ist ausnahmslos ein elitäres Recht der reicheren Bevölkerung. Die Armen klauen derweil, was sie finden können und probieren unterdes sich selbst das Schreiben beizubringen, um sich mittels geheimer Botschaften noch besser organisieren zu können.

 

Erst nach mehrmaligen Bitten versiegte das Lächeln aus seinem Gesicht, als er die verzierte und außergewöhnliche Schrift wahrnahm. Ich sah am neugierigen Blitzen in seinen Augen, dass der gesamte Spott in Kürze verflogen war, denn er erkannte ein logisches System, in der ihm weitestgehend unbekannten Schrift. Er blätterte eifrig in den Seiten hin und her, bis er mir erschrocken ins Angesicht sah und im Flüsterton zu sprechen begann: "Freund, was du hier gefunden hast, ist von entscheidender Bedeutung. Nicht nur für dich, sondern für einfach alle Menschen. Es ist das Buch eines unzivilisierten Volkes, welches bereits als ausgestorben galt. Ich kann die Dialektik nur schwer zusammenfassen, aber ich habe die Möglichkeit diese Seiten zu übersetzen, wodurch du sie in die deinige Sprache umwandeln kannst. Ich möchte verflucht sein, wenn wir dadurch nicht einen einmaligen Schatz des Wissens heben sollen."