Titel: Cacatum non est pictum

 


Seitenanzahl: 94

 


Druckdatum: 21.03.2015

 


Veröffentlichung: nicht geplant

 


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Kommentar:

 
Nahezu nichts ist spannender als das Berufsleben, insbesondere wenn ein Typus behandelt wird, mit dem nahezu ein jeder bereits in Kontakt getreten ist. Hier erwartet dem geneigten Leser eine satirische Wiedergabe über den Alltag in einer Bank, im speziellen wird hierbei der Werdegang des Herrn Perfekt unter die Lupe genommen, der als eines der kleinsten Puzzlestücke sein selbst erbautes Hamsterrad am laufen hält.

Leseprobe:

 

Es ist Sonntag. Ja richtig gelesen – es ist Sonntag. Auch wenn der liebe Herrgott diesen Tag der geistigen und körperlichen Regeneration gewidmet hat, so gibt es doch jenes Individuum, welches ihn nicht so recht gehorchen mag. Die Türen bleiben heute zwar geschlossen und ebenso klingelt der Wecker nicht um 6:30 Uhr mit einem penetranten Ton, der krächzt als ob ein Vogel stirbt. Doch gedanklich trägt er im Kopfe die Wortgruppe mit sich herum, die ihn den ganzen Tag versalzt und welchen er nicht müde wird immer und immer wieder kund zu tun: „Ich habe keine Lust auf morgen!“ Es ist nicht so zu verstehen, dass unser junger dynamischer Freund ein Alleinstellungsmerkmal für sich beanspruchen möchte, allerdings ist er mental schon sehr auf die bevorstehende Arbeitswoche geeicht mit seinen Terminen und unerwarteten Kundengesprächen, dass er vor seinem geistigen Auge am Frühstückstisch nicht einmal seine Frau für wahr nimmt, sondern seine Kollegen, die alle eine entsprechende Macke haben, was der Beruf per se schon mit sich bringt.

 

Da wäre zum Beispiel der Jüngste im Bunde. Er ist Praktikant und soll in absehbarer Zeit die Hierarchieleiter zum Auszubildenden erklimmen. Zu allem Überfluss ist unser Hauptcharakter sein späterer Ausbilder. Anstatt das Leben zu genießen, hebt er sein Ego lieber mit 45 Stunden Arbeit zuzüglich einer fast zu vernachlässigenden Arbeitsstrecke von anderthalb Stunden pro Weg. Neben dem Stolz, den er sich von seiner Familie mit morgenländischem Immigrationshintergrund verspricht, bleiben als zusätzlicher Anreiz auch noch die Vergütung von 600 Euro im Monat im ersten Lehrjahr. Ohne Zweifel sein bester Verdienst bis hierhin. Im Moment ist er jedoch Praktikant und bekommt daher eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro Fahrtkosten pro Monat.

Der nächste Mitarbeiter kann eher als Gegenarbeiter bezeichnet werden. Ein Quereinsteiger, der alle Hoffnung auf ein glückliches Berufsleben seit seiner Geburt in den Wind geschrieben hat. Er ist das schwarze Schaf dieser berufsbedingten Familie. Kleine und große Herausforderungen meistert er mit dem Können den Anschein zu erwecken, dass die Arbeit getan ist. In Wirklichkeit schlummert sie jedoch nur und tritt zu einem späteren Zeitpunkt mächtiger zu Tage, als sie es täte wenn man die Aufgaben von Beginn an ignorieren würde. Er hat den Traum, mit der geringstmöglichen Verantwortung das meiste Geld zu erhalten. Nebenbei erzählt er gerne von seinem Wunsch des künstlerischen Musikerlebens als Freigeist. Als jemand der die Fäden des Lebens als einziger im Licht schimmern sieht und sie deuten kann.

Der älteste Mitarbeiter ist gleichzeitig der entspannteste Vertreter. Diese Aussage wird nicht nur auf seine dauergebräunte Haut bezogen, sondern auch auf sein Gemüt, welches im Kopfkino täglich den Film der Altersruhe ablaufen lässt. Sein Ruhepol ist der jährliche Urlaub in einschlägig bekannten asiatischen Ländereien für alleinstehende Männer. Sein Charme der vergangenen Jahrzehnte ist nicht nur ungebrochen, sondern hochkonzentriert und jederzeit bereit einen neuen Angriff auf das junge Fleisch zu wagen. Doch oft dreht er sich dabei ebenso im Kreis, wie bei seinen Erzählungen, die bei jedermann hinlänglich bekannt sind.

Jede Raupe braucht ihren Kopf. Die drei anderen Glieder haben wir bereits kennen gelernt, doch wie ist es um das Gehirn, die Schaltzentrale, bestellt? Um einen treffenden Vergleich in der Natur zu finden muss nicht lange gesucht werden, denn er ist der personifizierte Vulkan mit Schlafstörung. Im Gegensatz zu den meisten seiner Verwandten ist er noch aktiv und lehnt sich gegen Stürme, Sonnenschein und Frauen am Steuer auf. Gemäß der überholten Viersäftelehre wäre er quittegelb überzogen mit seiner Gallenflüssigkeit. Freilich ist dies nur eine übertriebene Darstellung, doch es scheint, wenn man die feurig starren Augen hinter der Klatschpresse des heutigen Sportteils herausfunkeln sieht, als maßlose Untertreibung.

Und natürlich sieht er sich auch selbst. Er hat knapp die Ausbildung zum Bankkaufmann bestanden und wechselte im Zuge eines Wohnwechsels die Bank. Er ist einer der wenigen Menschen, die keinerlei Schwächen erkennen lassen. Sein Blick ist starr gen Feierabend gerichtet, während sanfte Unebenheiten gekonnt ignoriert werden. Wir können hier, ohne großartige Umschweife vorzunehmen, von dem perfekten Menschen sprechen.

 

Es vergeht Minute um Minute in denen er in Gedanken bei diesen bekannten Übeln verweilt und noch länger bei den unbekannten. Optimismus scheint hier fehl am Platz zu sein, denn dieser wurde ihm in einen langen Prozess während der Ausbildung abtrainiert. Der junge Mann versinkt in tiefschwarze Melancholie, während er der untergehenden Sonne das sterbende Wochenende bedauert und seine Partnerin die immer selbe, schon dutzend mal verdaute, Wortgruppe zu hören bekommt „Ich habe keine Lust“. Jeder hat diesen Satz schon zig Mal ausgesprochen. Wahrscheinlich als einleitenden Zauberspruch des Hexeneinmaleins, um der Arbeit zu entfliehen. Tatsächlich arbeitet hier nur der kognitive Bereich des Wesens, denn der Revoluzzer liegt schon lange begraben. Im Traum fühlt er sich zum letzten Mal frei, bevor die fiktiven Fesseln um Glieder und Hals geschnürt werden.